Eris und Rage Bait


20 Jahre Eris, Social Media und Rage Bait


Social Media lebt vom Streit wie die Göttin Eris, Grafik von Christine Keidel-Joura

In der Astrologie können wir immer wieder beobachten, dass neu entdeckte Himmelskörper mit Themen aus der Zeit ihrer Entdeckung in Verbindung stehen. Neptun, der für Träume und Loslassen von allzu Realem zuständig ist, kam zum Beispiel gleichzeitig mit der Narkose auf die Welt. Pluto, Herrscher über die Bilder, an die wir uns binden, wurde hingegen beim Durchbruch der Bildschirmübertragung entdeckt. Für Eris, die Göttin der Zwietracht, fällt vor allem der Siegeszug von Social Media auf:


Am 5.9.2006 veröffentlichte Facebook, das bis heute größte soziale Netzwerk weltweit, seinen Newsfeed. Mit diesem wurden nun Infos von der eigenen Pinnwand unaufgefordert beim Start verschiedensten Leuten angezeigt. Das führte zu einem großen Shitstorm mit heftigen Diskussionen, bei dem Facebook heiß lief wie nie zuvor. 

Und so entstand die Idee, Menschen durch Streit an das Netzwerk zu binden, dem damit größere Aufmerksamkeit, Präsenz, Werbekunden und Marktanteile verschafft werden konnten. Rage Bait als das Geschäftsmodell für Social Media war erfunden - und sollte fortan den Wert von Facebook in die Höhe treiben. Ohne Skrupel wurde auf dieser Basis dann wenige Tage später das Netzwerk für die Allgemeinheit der Welt geöffnet.

Synchron dazu wurde am 6.9.2006 ein neu entdeckter Kleinplanet benannt. Und zwar nach Eris, der griechischen Göttin der Zwietracht. Die ihre Äpfel in die Runde wirft und ihre Macht genießt, wenn durch den Streit um einen lächerlichen Apfel schließlich der Trojanische Krieg ausbricht.

Der Name wurde dem Kleinplaneten aber nicht aufgrund der Facebook-Diskussion gegeben, sondern vielmehr aufgrund einer verbitterten Streiterei innerhalb der astronomischen Gesellschaft, wie Planeten überhaupt definiert werden sollten, was dann zur Spaltung der Planetenordnung in echte und in Kleinplaneten führte, unter denen Pluto mit Eris wiederum als Zwergplaneten eingestuft wurden.


Mythologisches zu Eris

In den Erzählungen der alten Griechen erscheint Eris unscheinbar als kleine Frau. Erst wenn sie es schafft, die Menschen an Hass und Neid zu binden, erblüht sie zu ihrer wahren Gestalt. Ihr Name bedeutet aus dem Altgriechischen übersetzt so viel wie Streit. Bei Homer gilt sie als Tochter von Zeus und Hera, deren etwas toxische Ehe außerdem Ares, den Gott des Krieges hervorbrachte.

 

Wenn wir heute von Streitäpfeln reden, so verwenden wir einen Begriff aus dem Mythos von Eris. Der geht folgendermaßen: Neidisch, dass sie keine Einladung erhalten hat, betritt Eris dennoch die Party und lässt einen goldenen Apfel in den Saal rollen mit der Aufschrift "Für die Schönste". Drei Göttinnen fangen darauf an zu streiten. Die Stimmung kippt, aber niemand von den Gottheiten möchte sich einmischen. So soll schließlich der sterbliche Paris entscheiden, wer die Siegerin sei. Er wählt Aphrodite, weil sie ihm die Liebe der schönsten Frau auf Erden verspricht. Es ist Helena, doch die ist bereits verheiratet und muss erst mal entführt werden, nach Troja. Das gefällt den Leuten aus ihrer Heimat nicht, und so fallen sie mit einer riesigen Flotte über Troja her, inklusive trojanischem Pferd.

 

Wir sehen in dieser alten Geschichte, wie es möglich ist, mit kleinen, toxischen Ablenkungen das Neidische und Böse zu schüren unter den Menschen, bis der Streit oder gar der Krieg ausbricht. Das passt leider zur gesellschaftlichen Entwicklung seit der "Geburt" von Social Media, die genau zu dem Zeitpunkt stattfand, als die neu entdeckte Eris ihren Stand unter den Zwergplaneten erhielt. Eine besondere Synchronizität.


Lernaufgabe

Eris und Rage Bait, Streit, Konkurrenz, Verdrehen von Tatsachen, Verblendung, Intrigen, Neid und Eitelkeiten, Machtspielchen, Trollen, Spalten - all dies erzeugt nur Leid.

Wir haben jedoch die Freiheit, gesündere Formen des Miteinanders zu entwickeln. Wir können bewusst aus jeder Eristik aussteigen. Es hilft, wenn wir wahrhaftig bleiben und wenn wir unsere Zeit für Sinnvolles nutzen. Die entsprechenden sozialen Netzwerke sollten wir eher meiden, oder zumindest lernen, weiterzuscrollen, wenn die Streitäpfel kommen. Konzentrieren wir uns hier auf Fakten und auf Erheiterndes.

Fazit:

Legen wir die Äpfel von Eris bewusst zur Seite. Besinnen wir uns auf das Kluge und alles, was uns wirklich stärkt: Gerechtigkeit, sozialer Frieden, Kultur und gesunde Lebenslust. Außerdem wird es Zeit für einen neuen, bedeutenderen Kleinplaneten aus dem Kuiper-Gürtel. Einen, dessen Name etwas mit sinnvoller Verständigung zu tun hat.

 

© Christine Keidel-Joura



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